Als die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) gezielt Frauen ansprachen, „die Lust auf etwas Neues haben“, ergriff die passionierte Fahrradfahrerin Susanne Schmidt ihre Chance: 2015 startete sie eine Ausbildung zur Busfahrerin und fand sich einige Monate später hinter dem Lenkrad der gelben Stadtbusse wieder, die sie fortan durch den chaotischen Berliner Verkehr navigierte. Die Heldin des Nahverkehrs traf auf chronisch pöbelnde Einheimische und dankbare Reisende – und fand heraus, dass ältere Herren mit Hut gern vorn im Bus sitzen und die Route meist auswendig kennen. Über ihre Erlebnisse hat sie das Buch „Machen Sie mal zügig die Mitteltüren frei“ geschrieben und berichtet im Gespräch mit dem Greenpeace Magazin vom rauen Berufsalltag, der schließlich zum abrupten Ende ihrer Karriere als Königin der Straße führte

Frau Schmidt, Sie schreiben in Ihrem Buch, dass die Berliner Verkehrsbetriebe „händeringend“ Busfahrerinnen suchten. Was steckte dahinter?

Es ging wohl vor allen Dingen darum, die Frauenquote auf ein – wie soll ich sagen – normales Level zu heben. Der Anteil von Frauen bei der BVG ist nach wie vor sehr niedrig. Aktuell hat sich das Unternehmen vorgenommen, bis 2025 auf 25 Prozent Mitarbeiterinnen zu kommen, ambitioniertere Zielsetzungen wurden wieder zurückgenommen. Die BVG wollte mit dem Aufruf zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Es ging ihr nicht nur um die Frauenquote im Konzern, sie wollte auch davon profitieren, dass ältere Frauen einfach besser Bus fahren – und Auto übrigens auch. Studien haben nämlich gezeigt, dass ältere Frauen wesentlich stressresistenter sind, gleichzeitig für andere Verkehrsteilnehmer deeskalierend wirken und weniger Unfälle bauen.

Bevor Sie sich beworben haben, haben Sie Busfahrer um Rat gebeten. Ich gebe zwei Fragen zurück: Macht der Job Spaß und können Sie ihn weiterempfehlen?

Ja und ja: Der Job macht unglaublich viel Spaß und ist ein ganz besonderer Arbeitsplatz. Auch weil man immer unterwegs ist, immer draußen und auch gleichzeitig drinnen. Und die Arbeit ist wahnsinnig sinnvoll, man gestaltet die Verkehrssituation auf Berlins Straßen mit. Ich würde jeder Frau raten, Busfahrerin zu werden – obwohl ich selbst auch negative Erfahrungen gemacht habe. Allerdings muss sie sich darauf einstellen, dass es als Frau nicht einfach ist, in dieser Männerdomäne zu bestehen. Aber je mehr Frauen es in der BVG gibt, desto schneller wird sich das ändern. 

© Alexandre Sladkevich<p>Susanne Schmidt hatte schon als Drehbuchautorin, Stadtführerin und Erzieherin gearbeitet, als sie mit Mitte 50 nochmal umsattelte – zur Busfahrerin</p>

Susanne Schmidt hatte schon als Drehbuchautorin, Stadtführerin und Erzieherin gearbeitet, als sie mit Mitte 50 nochmal umsattelte – zur Busfahrerin

Wie sind Sie selbst mit den Ressentiments gegenüber Ihnen als Frau umgegangen?

Man muss einen gewissen Humor entwickeln. Ich habe einfach oft lachen müssen – vor lauter Verblüffung über den Sexismus, der mir da entgegenschlug. Zum Beispiel als ein Fahrgast einstieg, während ich im Bus hinter dem Lenkrad saß, und ungläubig fragte, ob ich der Busfahrer sei. Das habe ich verneint, und auf seine Frage, wer ich denn dann sei, geantwortet: ,Ich bin die Busfahrerin.‘ Da musste ich innerlich schon schmunzeln, weil ich diese sexistische Situation mit Humor gelöst hatte. Es gibt wirklich noch viele Männer, die denken, Frauen können keine Busse fahren.

In ihrem Buch raten Sie Fahrgästen, die auf den „fast schon planmäßig verspäteten Bus“ warten, die Wartezeit als „den seltenen Luxus der Langeweile“ zu begreifen. Warum sind Berliner Busse eigentlich immer zu spät?

Das liegt vor allen Dingen an der Verkehrspolitik. Es gibt ja Busspuren, und die sind nur für Busse, Fahrräder, Taxis und Krankenwagen vorgesehen. Das wird aber nicht eingehalten. Busspuren sind ständig zugeparkt, werden von Autofahrern zum Überholen oder Beladen benutzt. Die Polizei drückt da ein Auge zu. Das zeigt, dass Busspuren nicht erstgenommen werden, so wie auch der ganze Busverkehr nicht ernst genommen wird, und das finde ich falsch. Busse sollten eigentlich grundsätzlich immer und überall Vorfahrt haben. Denn je besser der Busverkehr ist, umso angenehmer ist die Verkehrssituation für alle.

Inwiefern?

Je angenehmer ich mit dem Bus von A nach B komme, je zuverlässiger und pünktlicher die Busse fahren, desto eher steige ich um und lasse mein Auto stehen. Und je weniger Autos unterwegs sind, desto schöner ist die gesamte Straßensituation – nicht nur für die Busfahrerin, sondern eben auch für Fußgänger, für Kinder, Fahrradfahrer und für die verbleibenden Autofahrer. Jeder Mensch, der auf sein Auto verzichtet und stattdessen in den Bus steigt, verändert viel mehr, als ihm bewusst ist.

Und was müsste sich ändern, damit noch mehr Menschen ihren Pkw stehenlassen und Bus fahren?

Meiner Meinung nach sollte der Busverkehr im Innenstadtbereich großer Städte kostenlos sein. Damit viel mehr Leute umsteigen und ihr Auto abschaffen. Jedes Auto weniger bedeutet mehr Platz für Menschen: Bänke zum Sitzen, Grünflächen zum Treffen und Orte zum Spielen. Außerdem wird die Luft besser und das Leben in der Stadt ein bisschen schöner.

Wichtig wäre es auch, den Busverkehr so komfortabel wie möglich zu gestalten. Hier fehlt bei der BVG noch der Servicegedanke. Dieses ganze Gemotze und Gemeckere, was die Berliner Busfahrer ja allzu gerne machen, können sie sich nur leisten, weil die Fahrgäste dauernd wechseln. Aber angenehm ist das nicht, ein höflicher Umgang bringt einen viel weiter. Und auch beim Fahrkomfort gibt es Verbesserungspotenzial: Es wird an Platz, Pflege und Sauberkeit gespart, die Sitze und Halteschlaufen in Bussen werden ungemütlicher, die Haltestellenhäuschen werden vernachlässigt und schrecken mit ihren kalten Plastik-Sitzblöcken eher ab, als dass sie zum Verweilen einladen. Ich finde, der Zustand eines Haltestellenhäuschens spiegelt auch immer ein bisschen den Zustand einer Gesellschaft wider. Was spricht denn gegen Gemütlichkeit beim Busfahren? Ich fordere ja keine roten Samtsofas. Aber es wäre doch mit einfachen Mitteln möglich, das Gefühl zu vermitteln, dass man sich über jeden Fahrgast freut.

Mit welcher Motivation fahren Menschen denn heute schon mit Öffentlichen?

Der öffentliche Nahverkehr hat ja eigentlich nur Vorteile. Busse, Bahnen und Trams befördern viele Menschen gleichzeitig und sind dadurch sehr viel umweltfreundlicher als jedes Auto. Und allein die Aggression, die man sich auflädt, wenn man im Auto unterwegs ist: Ständig sind die Ampeln rot, man muss die Spuren wechseln, die Leute vor einem fahren falsch, die Leute hinter einem fahren falsch, man findet keine Parklücke, man steht im Stau und kommt zu spät – und das Benzin wird immer teurer. Das alles fällt weg, sobald man Bus und Bahn benutzt. Ich finde, das ist ein Luxus, den wir haben und der immer noch viel zu wenig beachtet wird. Was gibt es Schöneres als einfach aus dem Haus zu gehen und zu wissen, da vorne hält mein Bus oder dahinten ist die S- oder U-Bahn? Das ist meiner Ansicht nach die Zukunft, wir haben es nur noch nicht richtig verstanden. Selbst die BVG hat in meinen Augen noch nicht richtig verstanden, wie großartig der öffentliche Personennahverkehr ist.

Und was ist für Sie das Besondere am Busverkehr?

Ich finde Busfahren sehr demokratisch – mit dieser ganzen bunten Gesellschaft, die im Bus sitzt. Gerade Busse bieten sich als niedrigschwellige Alternative für alle an, man muss keine Treppen runterlaufen oder auf kaputte Aufzüge warten, nur einsteigen und der Bus fährt überall hin – auch in die kleinen Straßen außerhalb des S-Bahn-Rings rund um Berlin oder in Gegenden, wo es weit und breit keine U- oder S-Bahn gibt. Busfahren macht einfach Spaß, hier kann ich abschalten und aus dem Fenster gucken. Oder ich kann anderen Leuten zuhören, die sich unterhalten. Oder Hausaufgaben machen, mich auf die Arbeit vorbereiten, meine Gedanken wandern lassen – was ja alles nicht geht, wenn ich hinterm Steuer sitze.

Jede Bushaltestelle ist wie eine Wundertüte. Wenn die Türen sich öffnen und man sich fragt: Wer steigt ein, wer steigt aus? Wie verändert sich die Atmosphäre im Bus? Geht das Gespräch der Leute neben mir noch weiter? Fahre ich lieber noch eine Haltestelle mit, weil ich so neugierig bin, wie die Geschichte ausgeht? Treffe ich jemanden, der mich freundlich anlächelt, einfach so, und nehme dieses Lächeln mit nach Hause?

Ihr Buch liest sich in langen Passagen wie eine Liebeserklärung an das Busfahren. Gleichzeitig prangern Sie neben Sexismus auch die „schier unmenschlichen Arbeitszeitregelungen“ und die unflexiblen Arbeitsbedingungen der BVG an. Sie selbst wurden wegen Überarbeitung krankgeschrieben und dann hat die BVG Ihnen gekündigt. Können Sie sich denn vorstellen, wieder als Busfahrerin zu arbeiten?

Ich habe lange überlegt, ob ich versuche, in einem anderen Busunternehmen eine Stelle zu bekommen. Die suchen ja alle genug. Aber die Arbeitsbedingungen sind überall die gleichen, die werden sich nicht ändern, wenn ich den Arbeitgeber wechseln. Deshalb kommt es für mich leider nicht mehr in Frage.

An was aus Ihrer Zeit als Busfahrerin erinnern Sie sich besonders gern?

An die Schulkinder, die hinten aussteigen und nach vorne gerannt kommen, um sich für die schöne Fahrt zu bedanken und dann von der nächsten Ampel nochmal winken.

Die Kurzrezension zum Buch „Machen Sie mal zügig die Mitteltüren frei“ von Susanne Schmidt (hanserblau, 17 Euro) erscheint in der kommenden Ausgabe des Greenpeace Magazins 3.21, das fünfzig Fragen zum Thema Essen beantwortet: Woher es kommt, wie wir weniger davon verschwenden und wie wir es in Zukunft so herstellen, dass weder Mensch noch Tier noch Umwelt darunter leiden. Das Greenpeace Magazin erhalten Sie als Einzelheft in unserem Warenhaus oder im Bahnhofsbuchhandel, alles über unsere vielfältigen Abonnements inklusive Prämienangeboten erfahren Sie in unserem Abo-Shop. Sie können alle Inhalte auch in digitaler Form lesen, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Teilen!

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