Frau Lunz, wie kamen Sie auf die Idee, ein Buch über feministische Außenpolitik zu schreiben?

Ich schreibe schon seit Jahren zu feministischen Themen und arbeite auch praktisch in dem Bereich. So habe ich als Beraterin des Auswärtigen Amts das feministische Netzwerk „Unidas” zwischen Lateinamerika, der Karibik und Deutschland aufgebaut und mich aktivistisch bei meiner Kampagne 2015 gegen Sexismus in der Bild-Zeitung und der Änderung des deutschen Sexualstrafrechts 2016 im Zuge der „Nein heißt Nein“-Debatte engagiert. 2018 habe ich das „Centre for Feminist Foreign Policy“ mitgegründet, einen Think Tank für feministische Außenpolitik. Wir sind mit der Organisation noch in der Aufbauphase und sehen uns als eine Mischung aus Wissensproduktion und Lobbyarbeit, mit dem Ziel, feministische Forderungen in die internationale Politik zu bringen.

Haben Sie damit Erfolg?

Nachdem sich schon Schweden, Kanada, Mexiko, Spanien, Frankreich, Luxemburg und Libyen, zu einer feministischen Außenpolitik bekannt haben, hat die neue Bundesregierung sich das im November in den Koalitionsvertrag geschrieben und Annalena Baerbock wurde die erste deutsche Außenministerin. Die Ernennung der Greenpeace-Chefin und Klimaexpertin Jennifer Morgan zur Sonderbeauftragten für internationale Klimapolitik ist eine weitere positive Entscheidung in diese Richtung. Dadurch kommt erstklassige, zivilgesellschaftliche Expertise genau dorthin, wo sich für Klimagerechtigkeit eingesetzt werden muss – ins Außenministerium. Ich denke schon, dass unsere Arbeit am Zentrum für feministische Außenpolitik dazu beigetragen hat. Aber das ist auf jeden Fall auch ein Zeugnis gesellschaftlicher Entwicklungen. In unserer Organisation haben wir seit letztem Jahr viel mehr Anfragen von Journalist:innen, NGOs, Think Tanks oder Botschaften bekommen. Diese wollten wissen, was eine feministische Außenpolitik eigentlich bedeutet. Ob es auf der internationalen Bühne mehr Diplomatie geben wird oder einen anderen Politikstil.

Cover des Buches "Die Zukunft der Aussenpolitik ist Feministisch" von Kristina Lunz

Influencerin für eine friedlichere Welt

Kristina Lunz hat gegen Sexismus in der Bild-Zeitung gekämpft, für ein gerechteres Sexualstrafrecht mobilisiert, ein Zentrum für feministische Außenpolitik gegründet und das Auswärtige Amt beim Aufbau des Frauennetzwerks „Unidas“ zwischen Deutschland, Lateinamerika und der Karibik beraten. In ihrem nun erschienenen Buch „Die Zukunft der Außenpolitik ist feministisch" erklärt sie, warum die bisherige Praxis der supranationalen Macht- und Sicherheitspolitik gescheitert ist und wir eine neue Denke brauchen, um internationale Beziehungen besser und friedlicher zu gestalten. Econ, 22,99 Euro

Und was antworten Sie?

Ohne Feminismus kann es keinen Frieden geben. Denn das traditionelle Verständnis von Außen- und Sicherheitspolitik basiert auf dem sogenannten Realismus, in der politischen Theorie spricht man auch von Konservativismus. Dieses inzwischen veraltete Weltbild besagt, dass Staaten in einem anarchischen Verhältnis zueinanderstehen, weil es keine supranationale Regierung gibt. Um in diesem Szenario überleben zu können, müssen die einzelnen Staaten maximal aufrüsten, immer kampfbereit sein, weil sie nur durch Gewalt und Unterdrückung anderer bestehen. Diese Zielvorstellung haben Feministinnen 1915 auf der Konferenz in Den Haag erstmals grundsätzlich in Frage gestellt, das Ende des Ersten Weltkriegs gefordert und neue Ziele formuliert. Sie wollten Abrüstung, die Demokratisierung von Außenpolitik und ein Völkerrecht, das Aggressionen der Staaten untereinander verbietet. Da wurde der Grundstein zu allem gelegt, was wir heute fordern. Wir wollen weg von Militär und Dominanz, hin zu Abrüstung, Sicherheit, der Verteidigung von Menschenrechten und Klimagerechtigkeit.

Welche Rolle spielt Klimaschutz bei einer feministischen Außenpolitik?

Wir sehen die Klimakrise nicht nur als Krise der Erderwärmung und Umweltzerstörung, sondern auch als eine der sozialen Ungerechtigkeit. Uns geht es um Klimagerechtigkeit. Beispielsweise sind achtzig Prozent der Klimaflüchtlinge weiblich, denn von der Klimakrise, wie von allen Krisen, sind immer die finanziell Ärmsten und gesellschaftlich Schwächsten am stärksten betroffen. Und das sind weltweit eben hauptsächlich Frauen. Das ist erst einmal wichtig, um internationale Dynamiken zu verstehen. Aber das Verständnis von Klimagerechtigkeit geht darüber hinaus. Eine feministische Außenpolitik fordert auch eine Dekolonialisierung von Außenpolitik und ein Verständnis dafür, wie die Kolonialisierung über Jahrhunderte zur Umweltzerstörung beigetragen hat. Denn hier herrschte die Auffassung vor, dass es primitiv sei, im Einklang mit der Natur zu leben. Die Unterdrückung indigener Völker und die Ausbeutung der Umwelt galten quasi als Indikatoren für Fortschrittlichkeit. Deshalb erkennt ein feministisches Verständnis von Klima- und Außenpolitik nicht nur die Situation von Frauen allgemein an, sondern gerade auch die von indigenen Akteurinnen und Women of Colour.

Ist das der Grund, dass hauptsächlich Frauen und Women of Colour an der Spitze der Klimabewegung stehen?

Ja, denn hier ist das Bewusstsein für die Klimazerstörung am größten und somit auch der Wunsch, etwas zu ändern. Frauen und marginalisierte Gruppen profitieren kaum von den bestehenden Verhältnissen und leiden am meisten darunter. Das heißt aber auch: Sie haben am wenigsten zu verlieren.

Anm. d. Red.: Das Interview fand vor der russischen Invasion in der Ukraine statt.

Lunz' Buch stellen wir auch in unserer Medienrubrik „Hören und Sehen“ der Ausgabe 2.22 „Wildnis Wagen“ des Greenpeace Magazins vor. Weitere Geschichten über inspirierende Frauen weltweit, die sich gegen die Zerstörung der Lebensgrundlagen und für gerechtere Gesellschaften einsetzen, finden Sie in Heft 6.21 „Yes She Can“ des Greenpeace Magazins. Darin können Sie lesen, wie Frauen an die Schalthebel der Macht drängen, um es anders zu machen und den Wandel voranzutreiben – als Anwältinnen, Politikerinnen, Wissenschaftlerinnen oder Aktivistinnen. Das Greenpeace Magazin erhalten Sie als Einzelheft in unserem Warenhaus oder im Bahnhofsbuchhandel, alles über unsere vielfältigen Abonnements inklusive Prämienangeboten erfahren Sie in unserem Abo-Shop. Sie können alle Inhalte auch in digitaler Form lesen, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Teilen!

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