Starke Frauen, starke Meinungen: Wir haben Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth und Fridays-for-Future-Sprecherin Pauline Brünger in Berlin getroffen und per Video Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan zugeschaltet. Für die Ausgabe 6.21 „Yes She Can“ des Greenpeace Magazins sprachen die drei über die Klimakrise als Gerechtigkeitsproblem, über Frauenhass im Internet und die Zukunft der Umweltbewegung

Sonnenstrahlen durchfluten den verglasten Besprechungsraum in einem Nebengebäude des Bundestags. Pauline Brünger ist bereits da und Jennifer Morgan per Videoschalte auf dem Bildschirm des Redaktionslaptops erschienen, als Claudia Roth mit ihrer Büroleiterin in den Raum kommt. Sie begrüßt alle herzlich, auch das Baby der Fotografin, das deren Partner während des Termins betreut. „Das ist hier eigentlich der schönste Raum“, sagt die Bundestagsvizepräsidentin, „durch die Fenster kann man immer die Fridays-for-Future-Demos vorbeilaufen sehen.“ Die drei sprechen Deutsch miteinander und duzen sich spontan.  Die Stimmung ist gelöst, es wird – erst einmal – viel gelacht

<p>DREI FÜRS KLIMA Anderthalb Stunden sprechen Jennifer Morgan (nicht im Bild), Claudia Roth und Pauline Brünger (rechts) über Klimagerechtigkeit und die Rolle von Frauen in der Politik</p>

DREI FÜRS KLIMA Anderthalb Stunden sprechen Jennifer Morgan (nicht im Bild), Claudia Roth und Pauline Brünger (rechts) über Klimagerechtigkeit und die Rolle von Frauen in der Politik

Kennen Sie sich eigentlich?

CLAUDIA ROTH zu Jennifer Morgan: Also wir haben uns schon erlebt. Und dich (sie richtet sich an Pauline Brünger) kenne ich aus dem Fernsehen.

PAULINE BRÜNGER: Das kann ich nur zurückgeben.

Wir haben Sie vorab gebeten, uns ein Foto zu schicken, das einen wichtigen Moment in Ihrem politischen Leben zeigt (alle beugen sich über die Fotos, für Jennifer Morgan halten wir sie in die Laptop-Kamera). Frau Brünger, Sie sind auf einer Demo zu sehen. Wann war das?

BRÜNGER: Das war im März 2019 beim ersten globalen Klimastreik von Fridays for Future. Unsere Bewegung kam ja quasi aus dem Nichts – und plötzlich war da dieser große Tag, an dem wir allein in Köln 10.000 Menschen auf die Straße brachten und die Titelseiten aller Tageszeitungen füllten. Wir haben gemerkt, da bewegt sich was. So einen Moment wird es wahrscheinlich nie wieder geben – diese unendliche Energie, aber auch dieses Staunen, dieses Noch-gar-nicht-begreifen-können.

Sie rufen da in ein Megafon. Wissen Sie noch, was?

BRÜNGER: Nicht genau, ich habe damals so viel gerufen. Wahrscheinlich so etwas wie „What do we want? – Climate justice!“

Um Gerechtigkeit geht es auch auf den jährlichen Weltklimakonferenzen. Ihr Bild, Frau Morgan, zeigt Sie während einer Rede, die Sie im November 2017 auf einer Demo kurz vor der 23. Vertragsstaatenkonferenz in Bonn gehalten haben.

JENNIFER MORGAN: In Berlin fanden gerade Koalitionsverhandlungen statt, und durch die Klimakonferenz war der Druck auf Angela Merkel groß, einen schnellen Kohleausstieg hinzulegen. Das war ein ganz wichtiger Moment für Deutschland, aber auch international, und ich hatte die Chance, ihn als Greenpeace-Chefin mitzugestalten. Donald Trump war seit einem knappen Jahr US-Präsident – auch deshalb wollten wir, dass Deutschland ein Zeichen setzt und durch einen Kohleausstieg vorangeht.

Und was hat es mit Ihrem Schwarz-Weiß-Bild auf sich, Frau Roth?

ROTH: Jetzt gehen wir zurück ins letzte Jahrhundert (alle lachen). Ich komme ja nicht aus der Umweltbewegung, ich komme aus dem Antirassismus und aus dem Rock ’n’ Roll. Mit dem Thema Umwelt bin ich das erste Mal 1981 in Berührung gekommen, auf der Demo gegen das geplante Atomkraftwerk in Brokdorf. Wir waren schon auf der Anreise, da hieß es im Radio, die Demo sei verboten worden. Wir sind trotzdem gelaufen – und zwar so weit wie selten in meinem Leben. Die Sonne schien, es war furchtbar kalt, und an die 100.000 Menschen marschierten zum AKW-Gelände. Als wir ganz in der Nähe waren, kamen die Hubschrauber. Du hattest das Gefühl, die rasen im Tiefflug auf dich zu. Menschen flohen, wir haben uns auf den gefrorenen Boden geworfen. Da habe ich mich gefragt: Was passiert hier eigentlich? Der Staat lässt sein Visier herunter, als seien wir seine Feinde, und bewaffnet sich gegen Menschen, die gegen eine unbeherrschbare Technologie protestieren.

<p>HYBRID-GESPRÄCH Die Videoschalte funktioniert erstaunlich gut – auch, weil sich die drei während des gesamten Termins die Bälle zuwerfen</p>

HYBRID-GESPRÄCH Die Videoschalte funktioniert erstaunlich gut – auch, weil sich die drei während des gesamten Termins die Bälle zuwerfen

BRÜNGER: Total spannend, da sehe ich Parallelen zu meiner politischen Sozialisierung. Kurz bevor ich 17 wurde, ist der Protest rund um den Hambacher Wald so richtig hochgekocht. Ich erinnere mich an diesen Sommer, kurz bevor es zu den letzten Räumungen der Protestcamps kam. Ich war mit Freundinnen dort, alles wirkte friedlich – und dann schlägt dir plötzlich diese Staatsgewalt entgegen. Da habe ich gemerkt, es gibt gerade kein staatliches Interesse, ernsthaft etwas gegen die Klimakrise zu unternehmen. Im Gegenteil: Man verteidigt und schützt die Rodung. Dieser Widerspruch wird an keinem anderen Ort so deutlich wie an einer Kohlegrube, denn da wird die Klimakrise gemacht. Wälder sterben für Kohle, und Dörfer werden zerstört.

ROTH: Die Klimakrise ist mittlerweile zu einer Überlebensfrage geworden. Das war noch vor einigen Jahren anders. Als ich Parteivorsitzende war, mussten wir ernsthaft überlegen, wie man zu einer Klimademo mal mehr als 200 Leute auf die Straße bekommt. Du konntest problemlos gegen Atomkraft mobilisieren, aber das Klima zog nicht, das war vermeintlich zu weit weg. Was mich interessiert: Wann kam da der Kipppunkt? Wann haben die Leute gemerkt, das passiert nicht auf einem anderen Planeten, nicht in hundert Jahren, sondern das ist hier und jetzt und real?

MORGAN: Ich meine, das war erstmals kurz vor der Pariser Klimakonferenz 2015. Es gab eine Debatte in der amerikanischen Umweltbewegung: Schaffen wir es, dass Leute für Klimaschutz protestieren? Was wäre das für ein Signal, wenn niemand zu unserer Demo in New York kommt? Letztendlich kamen 800.000 Menschen, und zwar nicht nur Umweltaktivisten, sondern Leute, die für Frauenrechte und gegen Rassismus kämpften oder sich gegen Ausbeutung, Armut und Krieg einsetzten. Auch die Gewerkschaften machten mit. Das war für die globale Bewegung ein sehr wichtiger Kipppunkt, und in den letzten zwei Jahren kam der Protest dann mit Greta Thunberg und den Fridays richtig ins Rollen.

Wie kommt es, dass bei Klimademos so viele Leute aus unterschiedlichen Bewegungen und Organisationen mitmachen?

MORGAN: Die Leute haben verstanden, dass das Klimaproblem viel mehr ist als nur ein Umweltproblem. Die Klimakrise wirkt sich auf Krieg und Frieden aus, sie verschlimmert die Lebenssituation von sozial Benachteiligten und verstärkt Rassismus und die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Es ist also dasselbe System, gegen das wir, die ganzen unterschiedlichen Bewegungen, alle kämpfen. Vereinfacht ausgedrückt, kann man es als globales neoliberales kapitalistisches System bezeichnen – oder auch als Patriarchat. Es ist ein historisch gewachsenes, hauptsächlich von Männern dominiertes System der Privilegien und so aufgebaut, dass es die Macht einiger weniger erhält. Diese kümmern sich oft nur um das eigene Wohl. Dadurch wird die Erde für kurzfristigen Profit ausgebeutet, ohne die Konsequenzen zu berücksichtigen. In letzter Zeit aber, auch durch die Pandemie, wurden diese Strukturen der Ausbeutung und das ewige Wachstumsstreben stärker infrage gestellt. Diesen Moment müssen wir nutzen. Die verschiedenen Bewegungen müssen zusammenarbeiten, damit das Wohl aller Menschen und unseres Planeten die oberste Priorität wird und nicht mehr das Profitstreben einer Minderheit alles bestimmt – damit hätten wir viele Probleme gleichzeitig gelöst.

© Brokdorf 1981: Piel/Keystone

PROTESTGESCHICHTEN Claudia Roth beschreibt eine Szene während der Anti-AKW-Demo 1981 in Brokdorf, als die Auseinandersetzungen zwischen Demonstrierenden und Polizei eskalieren

© Bernd Lauter/Greenpeace; Fridays for Future Köln

Jennifer Morgan „trommelt“ 2017 bei ihrer Rede in Bonn für einen schnellen Kohleausstieg (links). Pauline Brünger ruft beim ersten globalen Klimastreik 2019 in Köln via Megafon zu mehr Klimagerechtigkeit auf (rechts)

PROTESTGESCHICHTEN Claudia Roth beschreibt eine Szene während der Anti-AKW-Demo 1981 in Brokdorf, als die Auseinandersetzungen zwischen Demonstrierenden und Polizei eskalieren

Jennifer Morgan „trommelt“ 2017 bei ihrer Rede in Bonn für einen schnellen Kohleausstieg (links). Pauline Brünger ruft beim ersten globalen Klimastreik 2019 in Köln via Megafon zu mehr Klimagerechtigkeit auf (rechts)

ROTH: Für mich sind die drei Bereiche Gerechtigkeit, Sicherheit und Freiheit immer mehr mit der Klimakrise verknüpft. Und da gebe ich dir recht, Jennifer, Klimagerechtigkeit ist eine der zentralen Fragen. Denn die Klimakrise betrifft alle, aber nicht alle gleich stark. Als ich eine Dienstreise in Regionen im Pazifik und Südasien machen durfte, war die globale Ungerechtigkeit deutlich zu spüren. Teile von Bangladesch gehen einfach unter, da brechen jeden Tag Häuser, ganze Dörfer weg. Die Menschen dort verlieren alles, und es sind oft gerade diejenigen, die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben. Besonders betroffen sind Frauen, Kinder, alte Menschen und marginalisierte Gruppen. Extrem ist die Situation auch auf Kiribati – es muss schon ein Wunder geschehen, damit dieser Inselstaat nicht einfach im Pazifik verschwindet. Gleichzeitig werden humanitäre Sicherheitsfragen immer drängender. Wenn das Wasser knapp wird, drohen Kriege. Die Klimakrise wirkt wie ein Turbo für existierende Konflikte und führt letztlich zum Verlust von Freiheit. Kinder, Familien, Frauen und Männer, denen alles genommen wurde, sind nicht mehr frei. Wer für konsequenten Klimaschutz eintritt, der erkämpft oder erhält dadurch also auch die Freiheit.

BRÜNGER: Wir machen Klimaschutz ja nicht, um ein abstraktes Klima oder die Atmosphäre zu schützen. Der Schutz von Klima und Umwelt bedeutet, dass wir Menschen schützen, indem wir den Frieden bewahren oder Versorgungs- und Lebensgrundlagen sichern. Das müssen wir deutlich machen, dann können sich auch noch mehr Menschen mit unseren Zielen identifizieren. Am Ende läuft das für mich auf eine Frage von Solidarität und Empathie hinaus: Es macht beispielsweise gerade in den Flutgebieten in Deutschland einen enormen Unterschied, wer es sich leisten kann, dort wegzuziehen, oder wer bleiben muss. Und global müssen wir entscheiden, wie wir uns zur anhaltenden Klimakrise verhalten. Ressourcen werden immer knapper, Lebensraum geht verloren. Überlassen wir Millionen Menschen einfach ihrem Schicksal oder sind wir solidarisch? Wie sehr unterstützen wir Regionen finanziell, die am meisten unter den Klimafolgen leiden? Akzeptieren wir Klimamigration als Asylgrund? Deshalb finde ich gut, Jennifer, was du vorhin gesagt hast, dass wir mit mehr Menschen ins Gespräch kommen müssen, also nicht nur mit Experten für Windkraft, sondern mit Gewerkschaften, mit Leuten aus der Frauenrechtsbewegung, mit BIPoC1 und Geflüchteten.

MORGAN: Zu Solidarität und Empathie würde ich Mut hinzufügen. Das sind die Qualitäten, die wir jetzt brauchen.

Im Gespräch:

Pauline Brünger
2001 geboren, hat 2018 Fridays for Future in Köln mitgegründet, organisiert die digitale Kommunikation und Kampagnen von Fridays for Future Deutschland und ist eine von mehreren Sprecherinnen und Sprechern der Bewegung. Sie studiert Philosophie, Politik und Wirtschaft in Düsseldorf

Jennifer Morgan
Jahrgang 1966, ist seit 2016 Geschäftsführerin von Greenpeace International. Die US-Amerikanerin repräsentiert Greenpeace bei den globalen Klimaverhandlungen und setzt sich für mehr Diversität auch in der Umweltbewegung ein. Sie lebt in Berlin und Amsterdam und spricht fließend Deutsch

Claudia Roth
1955 geboren, ist seit 2013 Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages. Davor war sie zehn Jahre lang Parteivorsitzende der Grünen und managte in den Achtzigerjahren die Band „Ton Steine Scherben“. Sie engagiert sich auch für Menschenrechte, globale Gerechtigkeit und gegen rechts

ROTH: Und: Wir brauchen Feminismus, und zwar im eigentlichen Sinn und weltweit. Das heißt, in Selbstbestimmung leben zu können, ohne patriarchale Unterdrückung. Das tut allen gut, Männer eingeschlossen. Feminismus muss ein Kriterium für politisches Handeln sein, zum Beispiel in der Außenpolitik. Gewalt, Leid und Not gehen nicht nur von zwischenstaatlichen Konflikten aus. Sie sind Konsequenz tief verwurzelter, auch patriarchaler Machtverhältnisse. Die Perspektive derer, die darunter leiden, wird aber sträflich in der internationalen Politik vernachlässigt. Das muss sich ändern.

BRÜNGER: Oft hört man ja, wir lösen das Ganze jetzt dadurch, dass wir Frauen in die Vorstände stecken. Aber wir brauchen eine strukturelle Änderung.

ROTH: Da stimme ich dir zu, trotzdem ist Repräsentanz von Frauen und marginalisierten Gruppen ebenfalls wichtig, es geht schließlich auch um Teilhabe, um andere Perspektiven, um Gerechtigkeit. Aber ich weiß, was du meinst, es darf eben nicht nur ein Alibi sein.

BRÜNGER: Ich meine, wir brauchen jetzt nicht neue Menschen, die unterdrücken. Nur weil Frauen Führungspositionen übernehmen, verhindert das nicht unbedingt, dass die Schere zwischen Arm und Reich weiter aufklappt. Aber dass Repräsentanz von Frauen prinzipiell wichtig ist, da stimme ich dir zu, Claudia. 

Was wäre denn, wenn Frauen die gleiche Teilhabe an der Macht hätten, in Regierungen zum Beispiel oder in Vorständen? Gäbe es dann andere Entscheidungen?

BRÜNGER: Ich denke schon. Der Faktor Sozialisation spielt dann rein, weil Mädchen dazu erzogen werden, sich mehr zu kümmern und sich um andere zu sorgen. Und der Faktor Betroffenheit – der könnte auch eine gewisse Kompromisslosigkeit in die Debatte bringen.

Was heißt das? Hätten wir am Ende radikalere Entscheidungen?

ROTH: Ich glaube, dass vor allem die Realität so radikal geworden ist, dass sie die eigenen Vorstellungen von Radikalität übertrifft. Und deshalb sollten wir weitreichende Entscheidungen nicht radikal nennen, sondern konsequent. Aktuell sind wir im Bundestag bei einer Geschlechterverteilung wie vor 1998, und zwar bei dreißig Prozent Frauen.2 Eine gleiche Teilhabe aber bestimmt ganz wesentlich die Debatten, die Machtverhältnisse in Entscheidungsgremien mit.

<p>BALANCEAKT Als wir Julia Steinigeweg als Fotografin anfragten, war ihre Antwort: „Ja, aber nur mit Baby.“ So kam sie mit Kamera, Kind und Kegel zur Arbeit. Während sie fotografierte, betreute ihr Partner den Nachwuchs – nur für diesen Schnappschuss übernahm sie ihn</p>

BALANCEAKT Als wir Julia Steinigeweg als Fotografin anfragten, war ihre Antwort: „Ja, aber nur mit Baby.“ So kam sie mit Kamera, Kind und Kegel zur Arbeit. Während sie fotografierte, betreute ihr Partner den Nachwuchs – nur für diesen Schnappschuss übernahm sie ihn

MORGAN: Ja, Frauen tragen dazu bei, dass bessere Entscheidungen getroffen werden. Meine Erfahrungen beim Pariser Klimaabkommen sind das beste Beispiel dafür. Da habe ich viel mit Frauen gearbeitet und festgestellt, dass wir so besser vorankommen. Klimaverhandlungen sind ein komplexes Thema, man muss viele verschiedene Akteure, Länder und Perspektiven zusammenbringen. Die Fähigkeit zuzuhören, Leute zusammenzubringen, Koalitionen aufzubauen, komplexe Themen zu verbinden, gerechte Lösungen zu finden, ist dabei entscheidend – das ist ein echtes Kunstwerk. Wenn Frauen beteiligt sind, geht es mehr um die Sache als ums Ego. Deswegen glaube ich, dass Geschlechtergerechtigkeit die Voraussetzung für Klimagerechtigkeit ist.

Frau Morgan, Sie sind seit der ersten Weltklimakonferenz 1995 bei jeder dabei gewesen. Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie als Frau dort gemacht?

MORGAN: Bei den Klimaverhandlungen waren lange Zeit nur wenige Frauen am Tisch. Ich hatte immer das Gefühl, wie ein Mann auftreten und aussehen zu müssen, um ernst genommen zu werden, also Macht und Dominanz auszustrahlen und Anzüge zu tragen. Ich musste als Person zurücktreten und eine andere spielen. Traurig. Aber ich finde, das ist anders geworden (zustimmende Rufe von Roth). Geschlechtergerechtigkeit ist mittlerweile ein wichtiges Thema. Insbesondere durch Fridays for Future, aber auch durch das Engagement von Indigenen, muss man sich nicht mehr so in ein Schema pressen. Natürlich kommt es immer noch darauf an, aus welchem Land man kommt, und es gibt immer noch mehr Männer als Frauen bei den Verhandlungen, aber es gibt auch mehr Respekt für unterschiedliche Perspektiven.

Wie ist das bei Fridays for Future – ist Geschlechtergerechtigkeit dort ein wichtiges Thema, Frau Brünger?

BRÜNGER: Wenn Leute sich engagieren wollen, macht es einen Unterschied, ob man sich in der Bewegung wertgeschätzt und repräsentiert fühlt. Und so eine Atmosphäre muss man aktiv schaffen, da sind wir immer noch dabei. Denn selbst in unserer vermeintlich progressiven Klimabewegung, wo sich alle gern als die Ultrafeministen geben, gibt es männlich geprägte Verhaltensweisen und eine männlich dominierte Diskussionskultur. Das merkt man jeden Tag an ganz banalen Sachen. In einer Diskussion sagst du was – keine Reaktion. Dann sagt der Typ hinter dir dasselbe, und plötzlich sind alle begeistert und sagen, ja, so machen wir das. (Roth und Morgan rufen zustimmend: „Ja, das kenne ich“ und „Ganz genau“) In der Öffentlichkeit merkt man das aber viel deutlicher, beispielsweise in Talkshows. Da haben wir als junge weibliche Personen häufig die „alten weißen Männer“ als Gegenüber. Auch wenn dieser Gegensatz etwas ist, was von den Medien gern inszeniert wird, spüre ich häufig so eine Überheblichkeit und so ein Belächeln, mit dem unsere inhaltlichen Forderungen aus dem einfachen Grund nicht ernst genommen werden, dass wir sie gestellt haben und weil wir jung und weiblich sind.

ROTH: Mein geschätzter Kollege Wolfgang Schäuble liegt falsch, wenn er sagt, Frauen hätten es heute nicht mehr schwerer in der Politik. Diese Realitätsverweigerung wundert mich. Er bekommt sehr wohl mit, was auch auf mich alles einprasselt an Hass und Hetze. Ebenso was passiert, wenn Frauen im Bundestag das Wort ergreifen. Dann drehen sich Männer weg, fangen an, miteinander zu reden, der Lärmpegel steigt. Oder sie johlen und unterdrücken nur knapp ein Pfeifen. Durch die AfD hat sich die Stimmung gegenüber Frauen grundlegend geändert, Sexismus und Antifeminismus haben wieder stärker eine Bühne im Bundestag – und das wirkt in die Gesellschaft hinein. Gerade beim Hass im Netz lässt sich das nicht mehr ignorieren. Gegenüber Frauen wird massiv das Mittel der sexualisierten Gewaltfantasie eingesetzt, Demütigungen und Drohungen sind Alltag. Bei schwarzen Frauen oder Muslima kommen beispielsweise noch weitere rassistische Angriffsebenen hinzu. Ich kenne in meinem Umfeld einige, die sich deswegen zurückziehen. Das macht mir Sorgen, denn dann haben die Hasser und Hetzer erreicht, was sie wollen. Angriffe habe ich immer schon erlebt, aber durch Pegida und die AfD hat das Ganze einen Turbo bekommen. In den täglichen E-Mails, den Beschimpfungen, dem offenen Hass und den Bedrohungen spielen zunehmend auch Themen wie Klimaleugnung eine Rolle. Wir brauchen Solidarität unter Frauen, aber auch von Männern, um dem etwas entgegenzusetzen. 

Wenn Frauen beteiligt sind, geht es mehr um die Sache als ums Ego.
Jennifer Morgan, Geschäftsführerin Greenpeace International

Von Hass und Anfeindungen berichten viele Frauen, die sich öffentlich äußern. Welche Strategien haben Sie und auch Ihre Organisationen entwickelt, damit umzugehen?

BRÜNGER: Das ist ja der Versuch, Frauen oder Menschen, die progressive Themen vorantreiben, einzuschüchtern und mundtot zu machen. Das zeigt, und das ist die positive Nachricht, dass Leute wirklich Angst vor uns haben. Je mehr uns entgegenschlägt, umso mehr sind wir dabei, es zu reißen. Das muss man sich vor Augen führen, um sich nicht kleinkriegen zu lassen. Ich versuche drüberzustehen.

ROTH: Da drüberzustehen fällt nicht immer leicht, weil es so grauenhaft ist und weil der Versuch der Demütigung der Zerstörung so groß ist. (Roth, die zuvor energisch und klar war, spricht leiser und kommt ins Stocken) Dennoch: Mundtot machen lasse ich mich nicht. Ich schenke denen nicht meine Angst. Facebook ist mittlerweile eine Hölle des Hasses. Und gegen solche Kommentare brauchst du juristische Mittel, wir bringen sie inzwischen konsequent zur Anzeige.

BRÜNGER: Wir auch. Über die Organisation HateAid.

ROTH: Genau. Und du brauchst ein Umfeld, das dich schützt. Wenn ich lese, wie sie mich vergewaltigen wollen und aufhängen und totprügeln, dann tut mir das wahnsinnig weh. Ich habe wunderbare Menschen, die mir dann Kraft geben – und die das Allerschlimmste vorfiltern, aber dadurch leider auch furchtbar viel abkriegen. (Roth blickt zu ihrer Büroleiterin rüber)

MORGAN: Bei Greenpeace machen wir zu Sicherheit, Risikomanagement und Resilienz weltweit Workshops mit Frauen, ob trans, non-binary oder cis.3 Da geht es um die Unterstützung untereinander und auch um Wissen, wie man seine digitale Identität und Privatsphäre schützen kann, wie man andere schützt und was strafbar ist. Auch ich bin übrigens privilegiert und habe Leute, die meine Social-Media-Kanäle lesen und mich vorwarnen. Ob ich es dann sehen will, hängt von meiner Tagesform ab. Manchmal will ich zwar wissen, was passiert, aber es nicht persönlich lesen müssen. Manchmal weckt es aber auch meinen Kampfgeist.

Wie machen Sie jungen Leuten Mut, die Hass erleben?

MORGAN: Zum einen erkläre ich, was hinter dem Hass steckt. Es sind keine zufälligen Kommentare, sondern sie sind Teil einer Kampagne unserer „Gegner“. Das ist nichts Persönliches, sondern sie schießen gegen deine Rolle als Aktivistin. Damit wollen sie uns stoppen und einen Systemwechsel hin zu einer gerechteren, nachhaltigeren Welt verhindern, in der sie ihre Privilegien verlieren.

ROTH: Ich würde sagen, ändere, verschließe dich nicht deswegen. Wir müssen uns gegenseitig beschützen und dann gemeinsam dagegen vorgehen. Ich finde übrigens, das ist auch eine Aufgabe für die Männer. Sexismus ist ein Problem von männlichem Verhalten, warum also soll das nur mein Problem sein? Als sich einmal so ein Gockel von der AfD im Bundestag aufgeplustert hat und in Richtung Regierungsbank rief: „Wer keine Eier hat, sollte nicht regieren“, da war ich einem jungen SPD-Kollegen sehr dankbar, der ihn zurechtgewiesen und den Sexismus scharf verurteilt hat. Es ist auch weiterhin wichtig, dass wir keinen Schritt zurückweichen, sondern im Gegenteil. Die Frauenbewegung ist wohl die Bewegung weltweit, die am besten aufgestellt ist und am effizientesten organisiert werden kann – neben der klassischen Umweltbewegung und euch (sie sieht Pauline Brünger an), den Fridays.

Bei Fridays for Future fällt auch auf, dass so viele Frauen eine wichtige Rolle spielen. Woran liegt das, Frau Brünger?

BRÜNGER: Bei uns engagieren sich so viele Leute, weil es ihnen um die Sache geht. Unser Selbstverständnis ist: Wir haben alle das gleiche Ziel und arbeiten gemeinsam darauf hin. Und ich glaube, dass viele junge Frauen ein gutes Gespür für die relevanten Themen unserer Zeit haben und sich dafür engagieren.

ROTH: Dazu braucht man auch einfach starke Vorbilder. So wie Greta oder dich oder Luisa. Und das macht vielen Mut. 

1Black, Indigenous and People of Colour

2Das Gespräch wurde im August 2021 geführt, wenige Wochen vor der Bundestagswahl. Der aktuelle Bundestag hat einen Frauenanteil von knapp 35 Prozent, 1998 lag er bei rund 36 Prozent.

3Damit macht Morgan deutlich, dass ihre Definition von Frauen auch Menschen einschließt, die sich jenseits der klassischen Rollenaufteilung in Mann und Frau bewegen.

Diesen Artikel finden Sie in unserer bisher weiblichsten Ausgabe 6.21 „Yes She Can“ des Greepeace Magazins. Im Schwerpunkt dreht sich alles um inspirierende Frauen weltweit, die sich gegen die Zerstörung der Lebensgrundlagen und für gerechtere Gesellschaften einsetzen. Darin können Sie lesen, wie viele an die Schalthebel der Macht drängen, um es anders zu machen und den Wandel voranzutreiben – als Anwältinnen, Politikerinnen, Wissenschaftlerinnen oder Aktivistinnen. Das Greenpeace Magazin erhalten Sie als Einzelheft in unserem Warenhaus oder im Bahnhofsbuchhandel, alles über unsere vielfältigen Abonnements inklusive Prämienangeboten erfahren Sie in unserem Abo-Shop. Sie können alle Inhalte auch in digitaler Form lesen, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Teilen!

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