Nachrichten über den Klimaschutz beinhalten meist das ganz Große: internationale Klimagipfel, nationale Klimaziele oder die Rolle großer Emittenten wie China. Dass ein Kindergarten etwa im thüringischen Dorf Werther nun eine Fotovoltaikanlage auf dem Dach hat, geht dabei unter – und kann doch ebenfalls von großer Bedeutung sein. 

Denn Werther ist wie viele Gemeinden in Deutschland chronisch unterfinanziert – und hätte sich solch eine Anlage gar nicht leisten können. Wie also kam die Anlage auf das Dach? Durch einen Deal, den eine ortsansässige Bürgerenergiegenossenschaft mit der Gemeinde abgeschlossen hat. Die Genossenschaft installierte die Anlage – und bekommt dafür nun für die erzeugte Energie mehr als bei einer Einspeisung ins Netz. Die Gemeinde erhält ihren Strom trotzdem günstiger als vom Grundversorger. Die Verpachtung des Dachs bringt ihr zusätzliche Einnahmen, und weil das Betriebskosten spart, sinkt die Kitagebühr. Eine Win-win-Situation nennt man so etwas.

Klimaschutz ist für Werther eine Einnahmequelle geworden. Und was in dem thüringischen Dorf funktioniert hat, möchte das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) bundesweit vorantreiben. Gut ein Viertel aller Landkreise, Städte und Gemeinden gelten dem Difu zufolge als finanzschwache Kommunen. Von einem ohnehin knappen Haushalt knapsten sich die meisten Kommunen kein Geld für Klimaschutzmaßnahmen ab, beobachtet das Institut. Die Botschaft, die das Difu verbreiten möchte, lautet: Klimaschutz ist eine Investition, die sich lohnt. 

Gut für Ökologie und Ökonomie

„Eine Vielzahl von kommunalen Klimaschutzmaßnahmen verbessert nicht nur die CO2-Bilanz vor Ort, sondern hat auch positive ökonomische Effekte“, erklärt Wissenschaftlerin Katharina Heinbach. Sie arbeitet für das Institut für ökologische Wirtschaftsförderung, das in einem gemeinsamen Forschungsprojekt mit dem Difu finanzschwachen Kommunen zeigen möchte, wie man gleichzeitig Sparfuchs und Klimaschützer sein kann: etwa mit lokalem e-Carsharing, energetischer Gebäudesanierungen oder Fotovoltaikanlagen auf den Dächern der Gemeindehäuser. 

In vielen Ortschaften scheitern solche Vorhaben jedoch oft an mangelndem Personal. Davon weiß Markus Zipf zu erzählen, Leiter der Abteilung Kommunaler Klimaschutz der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Bereits seit den späten Achtziger Jahren hilft die Organisation Städten und Dörfern, ihre Klima- und Naturschutzprojekte umzusetzen. „Damals wurden viele Umweltämter gegründet, die es bis dato gar nicht gegeben hatte“, erzählt Zipf. „Umweltschutz wurde zum ersten Mal ernst genommen.“ Nur: Anders etwa als die Abfallentsorgung oder Wasserversorgung gehört Klimaschutz nicht zu den Pflichtaufgaben von Kommunen. „Wir brauchen also Kommunen, die zwingend Ressourcen dafür bereitstellen.“

Und mit Ressourcen meint er eben auch Personal, das etwa die regionale Energiewende entwickelt, die nötigen Beteiligten vernetzt und die Umsetzung begleitet. Dafür hat sich mittlerweile ein eigener Beruf entwickelt: Klimamanagement. Um möglichst vielen Kommunen die Einstellung einer solchen Person zu ermöglichen, verkündete das Bundesumweltministerium im März, die Personalkosten mit bis zu hundert Prozent bis Ende 2021 fördern zu wollen. Die Förderung ist Teil der „Nationalen Klimaschutzinitiative“, mit der das Ministerium seit 2008 Klimaschutzprojekte unterstützt. „Ich halte das für ein sehr maßgebliches Programm“, bewertet das Markus Zipf – auch viele Projekte der DUH werden mit diesen Fördermitteln finanziert. „Doch auch die besten Programme bringen nichts, wenn es vor Ort niemanden gibt, der den Ball aufnimmt“, sagt er.

Zipf hat selbst sieben Jahre lang als Klimaschutzmanager gearbeitet. Seine Erfahrung ist: „Es kommt immer auf die Personen an.“ Wie motiviert ist ein Schulleiter, den Schulhof zu begrünen? Wie sehr denkt die Leiterin des Gebäudemanagements an klimafreundliche Sanierungen? Auf lange Sicht seien die meisten Maßnahmen finanziell lohnenswert, sagt Zipf. „Und es gibt charmante Finanzierungsmodelle wie das Contracting: Bei der Gebäudesanierung etwa geht ein Dienstleister in Vorleistung – und die Kommune zahlt das Darlehen mithilfe der eingesparten Energiekosten ab.“ 

Etwas schwieriger ist es bei der Energieversorgung: Um die klimafreundlich umzugestalten und davon finanziell profitieren zu können, brauchen die Kommunen eigene Stadtwerke. „Ansonsten hängt man an langfristigen Lieferverträgen mit renditegetriebenen Energieversorgern“, erklärt Zipf. „Eine ganze Reihe von Kommunen hat ihre Stadtwerke aber vor Jahren verkauft.“ Nun beobachte er, dass immer mehr sie zurückkaufen oder eigene gründen, um Einfluss auf den Energiemix nehmen zu können – und eben auch daran zu verdienen.

Man sieht vor Ort, was passiert

Wie lohnenswert Klimaschutz für Kommunen ist, lässt sich zum Beispiel im Rhein-Hunsrück-Kreis in Rheinland-Pfalz sehen: Der Kreis hat sich von einer strukturschwachen zu einer lebendigen Region entwickelt – mithilfe seines Engagements für den Klimaschutz. In den Neunziger Jahren ließ der Landkreis sich von Fachleuten ausrechnen, dass er in Zukunft jährlich rund 290 Millionen Euro für Heizöl, Kraftstoff und Strom werde ausgeben müssen. Daraufhin entschieden die Gemeinden, möglichst viel von diesen Kosten in regionale Wertschöpfung umzuwandeln: Sie installierten Wind-, Solar- und Biomasseanlagen, steigerten die Energieeffizienz ihrer Gebäude und schlossen zahlreiche Nahwärmenetze zusammen, mit denen nun unter anderem 22 Schulen und acht Sporthallen beheizt werden. Mit der Kampagne „Rhein-Hunsrück spart Strom“ wurden auch die Menschen vor Ort einbezogen, etwa mit Wohnhaus-Checks oder dem Austausch alter Kühlschränke. 

„Die Kommunen haben den Vorteil, dass man vor Ort sieht, was passiert“, sagt Markus Zipf. „Das ist ganz entscheidend.“ Und so sehen die Menschen im Rhein-Hunsrück-Kreis auch, dass sich das alles finanziell lohnt. Denn die vielen Einzelmaßnahmen führten nicht nur dazu, dass sich der Kreis vollständig selbst mit Energie versorgt, sondern auch, dass er mittlerweile weniger verschuldet ist als die meisten anderen Kreise in Rheinland-Pfalz.

Peter Heck, Professor am Umwelt-Campus Birkenfeld der Hochschule Trier, geht sogar noch einen Schritt weiter und sagt: „Wenn Gemeinden sich nicht um Umweltschutz bemühen, wird sie das künftig jede Menge Geld kosten.“ Denn steigt etwa der CO2-Preis, steigt auch der Heizölpreis. Und wie viel es schließlich kostet, sich an den Klimawandel anzupassen, ist schwierig vorherzusagen – insbesondere, wenn man nicht versucht, ihn jetzt zu bremsen. 

Das Umweltministerium Nordrhein-Westfalen hat letzten Oktober schon mal vorgesorgt und zwölf Millionen Euro für Anpassungen zur Verfügung gestellt. So groß ist der Fördertopf des Sofortprogramms „Klimaresilienz in Kommunen“, mit dem es etwa Dach- und Fassadenbegrünungen oder die Entsiegelung von Flächen finanzieren will, um Städte und Dörfer abzukühlen. „Aller Voraussicht nach werden Hitze, Sturm, Hagel, Starkniederschlag und weitere Extremwetterereignisse zu einer Zunahme von Sachschäden an Gebäuden und besonders in städtischen Regionen zu einer zunehmenden Gesundheitsgefährdung der Bevölkerung führen“, schreibt das Ministerium in der Ankündigung des Förderprogramms.

Die Mathematik ist einfach: Je mehr die Kommunen jetzt in die Drosselung der Erderhitzung investieren, desto weniger werden sie später in die Anpassung stecken müssen.

Ob Gleichberechtigung, Jugendbeteiligung oder die kleine Stromrevolution: Mit vielen Ideen gestalten Kommunen die Zukunft des Landes. Für unser Kommunenheft haben wir uns auf die Reise gemacht, hier sind wir an einigen Stationen ausgestiegen und haben uns das Ganze mal genauer angesehen

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