Während die Gäste an Deck ihren Martini schlürfen, schufte das Bordpersonal bis zu elf Monate ohne Urlaub, Pausen gebe es oft nur zum Schlafen. Das berichtet die Zeitschrift „Test“ in ihrer aktuellen Ausgabe, die am Donnerstag erscheint. Auch auf Umwelt und Klima werde wenig Rücksicht genommen: Sobald Schiffe Schutzgebiete verließen, würden umweltverträgliche Abgasfilter oftmals einfach abgeschaltet, und die Schiffe führen mit besonders umweltschädlichem Schweröl weiter, weil das billiger sei, so die „Stiftung Warentest“. Was für die Unternehmen vor allem zähle, seien die ökonomischen Faktoren, da blieben faire Arbeitsbedingungen und freiwillige Umweltschutzmaßnahmen oft auf der Strecke.

Eine Innovation soll nun das erste mit Flüssig-Erdgas betriebene Kreuzfahrtschiff sein, die Aida Nova. Hier gingen diesen Mittwoch die ersten Passagiere an Bord. Allerdings warnen die Experten der Stiftung Warentest vor zu undifferenzierten Vorschusslorbeeren. Zwar verringert sich der CO2-Ausstoß bei Flüssig-Erdgas um rund zwanzig Prozent im Vergleich zum Dieselschiff. Und auch Schwefel- und Stickoxide sinken um neunzig beziehungsweise achtzig Prozent, während Feinstaub so gut wie gar nicht anfällt. Aber beim Fördern und Transport dieses Flüssig-Treibstoffs kann klimaschädliches Methan entweichen und Fracking als eine der Fördermethoden schadet der Umwelt erheblich.

Getestet haben die Mitarbeiter der Stiftung Warentest allerdings nur Kreuzfahrtschiffe, die bei Untersuchungsbeginn schon in Betrieb waren, und zwar jeweils drei von den vier großen Anbietern auf dem deutschen Markt – Aida Cruises, Costa Crociere, MSC Kreuzfahrten und Tui Cruises. Dabei haben sie Dokumente sowie Anlagen inspiziert, Crewmitglieder interviewt und Logbücher und Notfallpläne gewälzt. Es zeigt, dass nur die Sicherheitsbedingungen auf den Schiffen gut sind, der Umweltschutz schneidet höchstens befriedigend, meist nur ausreichend ab und die Arbeitsbedingungen an Bord haben die Tester noch schlechter bewertet. Die verantwortliche Redakteurin Claudia Till berichtet.

Frau Till, haben Sie auch getestet, welche Kreuzfahrt am meisten Spaß macht?

Nein, auch wenn manche Leser sich bestimmt gefreut hätten. Aber wir fanden es wichtiger zu zeigen, welche Probleme bei den Reisen auftauchen und geben beispielsweise Tipps, wie eine Kreuzfahrt umweltfreundlicher sein kann. Wie Leser mit den Ergebnissen umgehen, müssen sie dann für sich selbst entscheiden. Aber natürlich wollen wir niemandem den Urlaubsspaß verderben.

Wie kann man denn umweltfreundlich auf Kreuzfahrt gehen?

Per se ist keine Kreuzfahrt umweltfreundlich. Aber es gibt Unterschiede, wie dreckig ein Schiff und wie strikt reguliert das Fahrtgebiet ist. Tendenziell gilt: Je neuer das Schiffsmodell, desto besser ist es ausgerüstet, um Umweltschäden zu vermeiden. Beispielsweise sind bei der Aida Prima, einem der neuesten Modelle der Aida-Flotte, gleich drei unterschiedliche Typen von Abgasfiltern eingebaut: Sie besitzt einen Gaswäscher, der Schwefeldioxid reduziert, einen Katalysator sowie einen Partikelfilter. Dann spielt noch eine Rolle, wo ich eine Kreuzfahrt mache. So gelten für besonders sensible Gebiete wie die Nord- und Ostsee strenge Grenzwerte für den Schwefelanteil im Treibstoff. In diesen Emissions-Kontrollgebieten müssen die Schiffe entweder einen Abgasfilter für Schwefeldioxid verwenden, oder sie dürfen nicht mit dem dreckigen Schweröl fahren, sondern müssen auf höherwertigen, aber auch teureren Marine-Diesel umsteigen. Andere solche Schutzgebiete sind die nordamerikanische Küste und die Arktis. Dorthin müssen aber deutsche Urlauber mit dem Flugzeug anreisen, wodurch zusätzlich hohe Emissionen entstehen. Bei einer Nord- oder Ostseekreuzfahrt kann man immerhin mit dem Zug anreisen.

© Stiftung WarentestClaudia Till testet für die Stiftung Warentest Kaffeemaschinen, Waschmaschinen – oder auch mal die Unternehmensverantwortung von Kreuzfahrt-Anbietern.

Claudia Till testet für die Stiftung Warentest Kaffeemaschinen, Waschmaschinen – oder auch mal die Unternehmensverantwortung von Kreuzfahrt-Anbietern.

Sie sagten, im Emissions-Kontrollgebiet müssen die Filter angeschaltet sein. Wie sieht das denn in anderen Gewässern aus?

Es hat uns wirklich überrascht, wie minutengenau die Schiffe zwischen verschiedenen Treibstoffarten wechseln können. Sobald es die gesetzlichen Regelungen zulassen, fahren sie in der Regel mit Schweröl und schalten auch – bis auf Tui Cruises – die Abgasfilter aus. In internationalen Gewässern darf der Treibstoff einen Schwefelgehalt von 3,5 Prozent aufweisen. Zum Vergleich: Das ist 3500-mal so viel wie auf deutschen Straßen zugelassen ist. Inzwischen hat auch die Politik reagiert: So hat die Internationale Seeschifffahrtsorganisation der Vereinten Nationen beschlossen, den Grenzwert ab 2020 auf 0,5 Prozent abzusenken.

Wie stehen Kreuzfahrtschiffe im Vergleich zum gesamten Schiffsverkehr da?

Durch Schiffsreisen kommt nur ein Bruchteil der umweltschädlichen Emissionen wie Schwefeldioxid, Stickoxide, CO2 und Ruß beziehungsweise Feinstaub zustande. Containerschiffe sind nicht sauberer, allerdings hängen an dem Warentransport ganze Wirtschaftszweige. Im Vergleich zum Transport mit Flugzeug, Bahn oder Lastwagen sind Containerschiffe sehr effizient, gerade was den CO2-Ausstoß angeht. Bei Kreuzfahrten sollte man aber bedenken, dass das schwimmende Hotels sind, die dem reinen Vergnügen dienen.

Apropos: Wie vergnüglich ist die Arbeit auf einem Kreuzfahrtschiff?

Für die Besatzung hält sich der Spaß in Grenzen. Auf den untersuchten Schiffen arbeiten zwischen 400 und 1400 Menschen, der Großteil kommt aus Niedriglohnländern wie Indonesien, Indien und den Philippinen und arbeitet an Bord im Hotel- und Servicebereich. Dabei hat uns besonders das Arbeitspensum erschreckt: Die Arbeiter und Arbeiterinnen malochen täglich etwa zehn bis zwölf Stunden, und das bei einer Sieben-Tage-Woche, neun bis elf Monate am Stück. Das heißt, viele Crewmitglieder können nur einmal im Jahr nach Hause fahren, sonst arbeiten sie durch, ohne Urlaub und ohne freie Tage.

Ist das rechtens?

Ja, die Arbeitgeber halten sich – sowohl bei Arbeitsbedingungen wie auch Umweltschutzmaßnahmen – an die gesetzlichen Vorgaben. Es gibt sogar Tarifverträge, jedoch keine deutschen, sondern zum Beispiel mit dem Flaggenstaat ausgehandelte. Keins der Kreuzfahrtschiffe fährt unter deutscher Flagge: Die Flotte von Aida, mit Firmensitz in Rostock, fährt beispielsweise unter der Flagge Italiens. Dort muss die Reederei keine Lohnsteuer zahlen. Beim Ausflaggen geht es Reedereien hauptsächlich darum, von möglichst geringer Besteuerung zu profitieren oder auch das Arbeitsrecht zu umgehen. Andere beliebte Länder sind Malta und Panama. Allerdings sind nicht für alle, die an Bord arbeiten, die Bedingungen so schlecht. Für Posten mit höherer Qualifizierung, etwa den des Marineoffiziers, gibt es kürzere Vertragslaufzeiten mit höherem Einkommen und Sozialleistungen. Diese Angestellten sind häufig EU-Bürger. So herrscht unter Deck eine Art Zweiklassengesellschaft.

Was empfehle Sie denn Ihren Lesern für die Urlaubssaison?

Unser Fazit ist: In puncto Umwelt und Soziales können wir kein Kreuzfahrtschiff bedenkenlos empfehlen. Zwar halten sich alle Reedereien an internationale Gesetzgebungen, aber die sind oft lasch. Und von selbst tun die Unternehmen nicht genug für faire Arbeitsbedingungen und Umweltschutz. Solange die Reedereien hier nicht nachbessern, sollten sich Kreuzfahrtreisende bewusst sein, dass der Urlaubsspaß zwangsläufig zu Lasten der Umwelt und der Arbeiter an Bord geht.

*Anmerkung der Redaktion: Am 20.12.18 haben wir den Text um Informationen zum Kreuzfahrtschiff Aida Nova ergänzt.

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