Liebe Leserinnen und Leser,

für all jene, die zunehmend allergisch auf Formulierungen wie „besorgte Bürger“ oder „schweigende Mehrheit“ reagieren, die so gern angeführt werden, wenn es mal wieder darum geht, eine Art „AfD light“-Politik gegen Ausländer, Ärmere, Klima- oder Umweltschutz zu rechtfertigen, waren die vergangenen Tage in Deutschland eine echte Offenbarung. Erstaunlich viele Meinungsmacher:innen in Medien und Politik stellten erstaunt fest, dass es sich bei der „schweigenden Mehrheit“, von der sie immer sprechen, wohl eher um eine ziemlich laute Minderheit handelt. Aufgerüttelt durch die Correctiv-Enthüllungen zu den Deportationsfantasien von Neonazis, der AfD bis hin zum rechten Rand der Union, demonstrieren täglich Zehntausende, manchmal Hunderttausende, dass sie keine Lust haben, Werte wie Vielfalt, Toleranz und Solidarität kampflos aufzugeben. Dem Diktat der schlechten Laune und des Hasses setzen die vielen, gesellschaftlich erfreulich breit aufgestellten Demo-Bündnisse von Aachen bis Zwickau eine eher zukunftszugewandte Weltsicht entgegen. Falls auch Sie dieses Wochenende wieder mit dabei sein wollen, finden Sie hier eine Zusammenstellung der angemeldeten Kundgebungen. Wir sehen uns!

Falls Sie nicht direkt an einem dieser Orte wohnen, könnte es allerdings mit der Anreise schwierig werden. Jedenfalls, wenn Sie auf die Bahn vertrauen. Nicht dass Sie durcheinander kommen: Diesmal ist es nicht die marode Infrastruktur mit der nächsten Großbaustelle, die für Verspätungen und Zugausfälle sorgt. Es sind wieder einmal die Lokführer mit ihrem – Moment, ich zähle mal… – vierten Streik in der aktuellen Verhandlungsrunde. Es tut mir immer ein bisschen weh, wenn ich in der Berichterstattung „Lokführergewerkschaft“ höre, denn das Wort „Gewerkschaft“ passt eher zur im DGB organisierten „Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG)“ mit ihrer Viertelmillion Mitgliedern. Die GDL dagegen verstand sich ursprünglich eher als eine Art Funktionselite nach Art der Pilotenvereinigung Cockpit. Auch erinnert ihr Vorsitzender Claus Weselsky, der sich dem konservativen Flügel der sächsischen CDU zurechnet und mit wütenden Attacken auf den angeblichen „Schmuddeljournalismus“ gern mal nach rechtsaußen blinkt, nicht gerade an einen Arbeiterführer. Und doch teile ich als leidenschaftlicher Bahnfahrer seine wütende Analyse, dass die Lokführer „in einem kaputtgesparten, maroden System“ Dienst tun müssen. Ganz so wie die anderen hunderttausenden großartigen Bahn-Mitarbeitenden auch, die täglich Widrigkeiten trotzen müssen, für die sie nichts können. 

Für mich ergibt sich aus dem Dauerärger um die Bahn, der in den kommenden Jahren für Bahn-Schaffende und -Kund:innen eher noch größer werden wird, eines der ungeklärten politischen Rätsel unserer Zeit. Warum nur hat niemand im politischen Berlin Ambitionen, die Bahnkatastrophe einmal grundsätzlich aufzuklären? Ich verspreche hiermit feierlich, mich bei der kommenden Bundestagswahl für die Partei zu entscheiden, die genau zu dieser Frage den längst überfälligen Untersuchungsausschuss im Bundestag beantragt und hoffentlich auch durchsetzt. Die Wiedersehensfreude hält sich bei mir zwar in überschaubaren Grenzen, aber ich möchte sie trotzdem alle gern noch einmal live erleben: Die ehemaligen Bahnmanager, die von Börsengängen träumten und Sparrunden zelebrierten, und, vor allem, die früheren Verkehrsminister – seit 2009 ausschließlich in der CSU –, die sich in ihren jeweiligen Amtszeiten darauf konzentriert hatten, den bayrischen Raum mit Fern- und Umgehungsstraßen zuzupflastern, die jeden neuen Autobahnkilometer bejubelten wie einen Meisterschaftsgewinn des FC Bayern und die das Fachpersonal, das Schienennetz, die Ausbildungsplätze und die technische Infrastruktur mit einer Brachialgewalt abbauten, als bräuchten sie die Flächen, um dort weitere neue Autobahnen bauen zu können.

Ich möchte über all das, über jede einzelne Entscheidung, die zum Abbau von Stellwerken, zur Stilllegung von Ersatzgleisen oder Reparaturbahnhöfen führte, sehr gern einen viele tausend Seiten langen Bericht lesen, der für die Nachwelt festhält, wie neoliberale Ideologie, Ignoranz, Autowahn und schiere Unkenntnis heute die Zukunftsfähigkeit eines ganzen Landes bedrohen und wie viele Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung durch die zahllosen Ausfälle und Verspätungen inzwischen verloren gegangen sind. Und dann möchte ich sie alle bis zum Eintritt ins Pensionsalter am liebsten nur noch in Schaffneruniformen sehen. Natürlich auf den meist befahrenen, dauerverspäteten Bahnstrecken, um den nicht mal mehr wütenden, sondern nur noch resignierten Kundinnen und Kunden in Ruhe zu erklären, was sie sich da eigentlich in ihrer jeweiligen Amtszeit gedacht haben. Beziehungsweise: Warum nicht.

Ich wünsche Ihnen ein gutes Wochenende!

Unterschrift

Fred Grimm
Redakteur

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