Was haben Deutsche, Briten und Vögel gemeinsam? Sie verspüren im Frühling einen starken Drang zu reisen. Doch während Letztere reuelos fliegen können, müssen wir Menschen Routen und Verkehrsmittel überdenken

Als ich gerade über der Frage brüte, wie ein Text zum heiklen Thema Reisen nach Corona beginnen könnte, höre ich von hoch oben über der Stadt den Sound der Freiheit. Nein, ich meine nicht den Düsenlärm der Flugzeuge mit dem Kranich auf dem Seitenruder – der ist seit gut einem Jahr nahezu verstummt. Es sind Kraniche aus Fleisch und Blut unterwegs, fast fünfzig zähle ich, die offenbar eine günstige Thermik erwischt haben. Sie schrauben sich segelnd empor und rufen mir Bodenbewohner ihren Trompetengruß zu: Grus grus. Ihr Anblick macht mich ein wenig neidisch. Reisebeschränkungen sind den Glücksvögeln naturgemäß ebenso fremd wie das Gefühl der Flugscham. Eine kurze Kranich-Recherche im Internet ergibt allerdings, dass sich ihr Flugverhalten im Zuge des Klimawandels dennoch ändert. Die meisten von ihnen ziehen nun nicht erst im März, sondern schon im Februar in den Norden – um dort ihren Artgenossen zuvorzukommen und die besten Brutplätze zu belegen. Das ist wie mit den Handtüchern am Pool, womit ich wieder beim schwierigen Ausgangsthema wäre. Gerade wird heftig über die ersten Mallorcaflüge aus Deutschland gestritten, die trotz Pandemie sofort ausgebucht waren.

Wäre doch gelacht, dachten sich wohl einige, wenn die Engländer uns wieder zuvorkämen! Allerdings dürfen die noch gar nicht wieder reisen. Dabei haben uns die Briten derzeit einiges voraus. Die Hälfte ist geschafft, meldeten sie Mitte März – nicht nur bei der Immunisierung, sondern auch bei der Dekarbonisierung: 51 Prozent weniger Treibhausgase als 1990. Nachzügler Deutschland hat dagegen nur mit Ach und Krach das Ziel erreicht, seine Emissionen um 40 Prozent zu senken. Grund für den Achtungserfolg beider Länder: der starke Rückgang des Verkehrs in der Pandemie. Mit Blick auf die Zeit danach fürchten Klimaschützer und -forscherinnen nun, dass der CO2-Ausstoß des Sorgensektors bald wieder in die Höhe schnellt. Laut einer Studie der Universität Sydney verursachte allein der Tourismus vor Corona weltweit acht Prozent der Treibhausgase. Drittgrößte Verursachernation nach den USA und China: Deutschland. Mir scheint jedoch, dass unter dem neuen Eindruck der kollektiven Verletzlichkeit manch eine oder einer ins Grübeln gekommen ist. Immer öfter höre ich von Menschen, die planen, künftig seltener zu fliegen – oder sogar ganz „Terraner“ werden wollen.

Die Idee eines Freiburger Vereins, diesem aus den Perry-Rhodan-Romanen bekannten Wort für Erdlinge eine neue Bedeutung zu verleihen, um damit für die bodengebundene Lebensweise zu werben, gefällt mir. Es ist nämlich nicht absehbar, dass die milliardengepäppelte Flugindustrie ihre Klimabilanz bald in den Griff bekommt. Eine Studie der EU-Kommission bescheinigte ihr gerade Grünfärberei: Ihre Pläne zur CO2-Kompensation werden die Klimafolgen der Luftfahrt kaum mindern. Vorerst ist jeder Flug, der nicht stattfindet, der beste Klimaschutz. Die gute Nachricht für alle, die trotzdem ans Mittelmeer wollen: Die Bahnen planen mehrere neue Nachtzugverbindungen, ab 2024 sogar nach Barcelona! Noch etwas zu den Kranichen: Die wasserliebenden Vögel haben zuletzt aufgrund der Dürrejahre viel zu wenig Nachwuchs durchgebracht. Wer weniger fliegt, verhält sich also nicht nur solidarisch mit der Menschen-, sondern auch mit der Kranichjugend.

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