Vieles, was unumstößlich schien, steht heute auf dem Prüfstand. In Zeiten der Klimakrise wirkt manches fehl am Platze – etwa der Temporausch auf Autobahnen, findet Wolfgang Hassenstein

Kürzlich habe ich morgens vor meiner Haustür einen Gesprächsfetzen aufgeschnappt. „Hier können dann aber weniger Autos parken“, rief ein Straßenarbeiter seinem Kollegen zu. „Selber schuld, wenn die so wählen“, erwiderte der. Die beiden hatten gerade damit begonnen, entlang der Straße Fahrradbügel aufzustellen, die das Schrägparken verhindern. Einige Autostellplätze fallen nun weg. Erhitzte Diskussionen unter Nachbarn waren die Folge, die Parkplatzsuche im Viertel war schon vorher mühsam gewesen. Dann erfuhr ich von einer Freundin, dass nicht grüne Stadtteilpolitik hinter der Sache steckte – sondern die Polizei.

„Die Umstrukturierung basiert auf einer Anordnung der Straßenverkehrsbehörde“, bestätigte mir der zuständige Planer im Bezirksamt per Mail. „Gründe waren/sind die Erreichbarkeiten von Ver- und Entsorgung sowie die Einhaltung von Rettungswegen.“ Aufgrund der chaotischen Parkerei waren in dem engen Altbauviertel immer wieder Müllautos stecken geblieben – nicht auszudenken, was dann im Brandfall hätte passieren können! Außerdem kamen auf dem Gehweg oft die Kinderwagen kaum durch, weil so viele Räder an den Vorgartenzäunen lehnten. Kurzum: Ein historisch gewachsener, total inakzeptabler Zustand wurde ganz pragmatisch beseitigt – zugunsten von Sicherheit und Gerechtigkeit. Weil dagegen wenig einzuwenden ist, sind die Diskussionen auch bald verstummt.

Ich sehe in den Ereignissen vor meiner Haustür Parallelen zu einer größeren Entwicklung: Vieles historisch Gewachsene, das riskant und eigentlich inakzeptabel ist, wird heute nicht mehr einfach hingenommen. So sind inzwischen 64 Prozent der Deutschen für ein Tempolimit von 130 Stundenkilometern auf Autobahnen – „ein spürbarer Zuwachs hin zu einer breiten und klaren Mehrheit“, freute sich Umweltministerin Svenja Schulze (SPD), deren Ministerium die Umfrage in Auftrag gegeben hatte. Ein Ende des limitlosen Rasens mahnt übrigens auch die Gewerkschaft der Polizei an – weil es „Leben retten und die Einsatzkräfte von Polizei und Rettungsdiensten schützen“ würde. 

Ein Tempolimit wäre außerdem ein Beitrag, um eine der größten Sicherheitsbedrohungen aller Zeiten zu verlangsamen. Der Klimawandel gefährdet Menschenleben auf mehrerlei Weise, doch es reicht schon ein Blick auf die unmittelbarste Folge: Es wird heißer, so heiß, dass weltweit bereits 37 Prozent der Hitzetoten der menschengemachten Erwärmung zuzurechnen sind, wie eine internationale Forschungsgruppe Ende Mai meldete. Einen Monat später traf eine beispiellose Hitzewelle Kanada. Was dort geschah, wirkt wie ein unheimlicher Blick in die Klimazukunft: Menschen suchten Zuflucht in Tiefgaragen, Hunderte starben. Der kleine Ort Lytton verzeichnete an drei Tagen in Folge kanadische Rekorde, zuletzt 49,6 Grad Celsius, bevor er in Flammen aufging.

Ich finde es inakzeptabel, dass ich inzwischen vor jeder Hitzewelle um meinen Vater bangen muss, der übrigens nie ein Auto oder einen Führerschein besessen hat und nun staunt, mit seinen 96 Jahren noch solche klimatischen Veränderungen zu erleben. Und ich finde es absurd, dass gegen jeden Schritt für den Klimaschutz, der Autofahrern gewisse Opfer abverlangen würde – sei es ein höherer Spritpreis, ein Verbrennerverbot oder ein Tempolimit –, von einigen noch immer gestritten wird, als ginge es ums Überleben.  

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