Es ist eines der großen Rätsel unserer Zeit, dass die Erwachsenen den Klimaschutz vernachlässigen, obwohl sie doch ihre Kinder so lieben. Letztere müssen ihre Rechte nun vor Gericht erstreiten. Wolfgang Hassenstein findet das beschämend

Auf dem Isebekkanal in Hamburg-Eimsbüttel, an dem ich öfters entlangjogge, beobachte ich seit Wochen ein Haubentaucherpaar. Einmal wäre es fast zur Katastrophe gekommen: Einer der Vögel – die Geschlechter gleichen sich bei dieser Art – bemerkte zu spät ein heranschießendes Ruderboot, konnte aber in letzter Sekunde abtauchen. Danach schwammen die Partner aufeinander zu, spreizten ihre Hauben und keckerten aufgeregt. „Das war knapp“, meinte ich zu hören, und: „So ein rücksichtsloser Idiot aber auch!“

Sein schwimmendes Nest hat das Paar an den Zweigen eines umgestürzten Baumes festgemacht. Eines Morgens war es so weit: Aus dem  Rückengefieder von Mutter oder Vater lugten winzige Köpfchen hervor. Haubentaucherküken dürfen eine Zeitlang huckepack mitfahren. Ich fragte mich unwillkürlich, was passieren würde, wenn nun wieder der Ruderer an gerast käme. Das Internet hält dazu eine beruhigende Information bereit: Bei Gefahr können Haubentaucher mitsamt ihren Küken abtauchen. Faszinierend.

Die Brutpflege zählt bekanntlich zu den stärksten Instinkten im Tierreich und brachte sogar die Liebe in die Welt, wie Verhaltensforscher vermuten. Mit Blick auf die Klimakrise habe ich mich schon oft gefragt, warum hier der Schutzinstinkt der Menschen für ihren Nachwuchs versagt. Eine Erklärung könnte sein, dass er vor allem bei direkten Nachkommen und nahen Verwandten greift, da es um den Fortbestand der eigenen Gene geht. Motto: Wir kommen schon durch – was kümmern mich Kinder am anderen Ende der
Welt? Eltern, die ihre Sprösslinge nicht huckepack, sondern im schweren SUV in Kita oder Schule kutschieren, verkörpern diese Einstellung.

Doch mir ist diese Sicht auf meine Artgenossen zu negativ. Trotz all des Streits, der Missgunst und der Ungerechtigkeiten habe ich weiterhin den Eindruck, dass die Menschheit in der Pandemie zusammenrückt. Das bunte Bild der Staatschefinnen und -chefs auf dem Großbildschirm im Weißen Haus, die im April Joe Bidens Einladung zum Klimagipfel gefolgt waren, erinnerte
an die Planeten-Föderation in Star Trek. Einer nach der anderen gelobte da, die nationalen Klimaschutzziele anzuheben. Seltsam ist nur, dass die Erwach
senen von der Jugend erst dazu angetrieben werden müssen, mit Verlaub, ihre Ärsche hochzukriegen.

Greta Thunberg, die für die Rettung des Planeten mehr erreicht hat als alle Gäste Joe Bidens zusammen, twittert weiter jeden Freitag ein Foto von sich mit ihrem „Skolstrejk för Klimatet“-Schild, zurzeit meist allein. Fast surreal erscheint es aus heutiger Sicht, dass am 20.  September 2019 beim Globalen Klimastreik allein in Hamburg 100.000 Menschen auf der Straße waren. Ich hatte mir damals ein Schild mit der Aufschrift „KLIMASCHUTZ = KINDERSCHUTZ“ gepinselt. Meine ältere Tochter, die mit ihren Klassenkameradinnen auf der Demo war, wollte auf keinen Fall mit mir gesehen werden.

Am gleichen Tag wurde in Berlin das Klimaschutzgesetz beschlossen, das nun vom Bundesverfassungsgericht wieder kassiert wurde. Es sei mit den Freiheitsrechten der jüngeren Generation nicht vereinbar, ihr „durch einseitige Verlagerung der Treibhausgasminderungslast in die Zukunft“ viel härtere Einschnitte in viel kürzerer Zeit aufzubürden. Geklagt hatten Jugendliche: Nachhilfe bei der Brutpflege sozusagen, vom eigenen Nachwuchs. Das ist wirklich peinlich.

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