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Gestrandet wegen Corona: Der Alptraum geht für viele weiter Von Johannes Schmitt-Tegge, Michael Fischer und Denis Düttmann, dpa

240 000 wegen Corona gestrandete Touristen hat die Bundesregierung in einem beispiellosen Kraftakt aus aller Welt nach Hause geholt. Zwei Monate nach Beginn der Aktion gibt es aber immer noch Hunderte, die auf einen Flug oder eine Fähre warten. Berlin/Rabat (dpa) - Noureddine kann seine Empörung inzwischen kaum noch verbergen. «Ich wollte nur für eine Woche her, jetzt sitze ich hier seit zweieinhalb Monaten.» Der Kölner, der seinen Nachnamen lieber nicht in der Zeitung lesen will, steckt wegen Corona in Marokko fest. Im März war er in das nordafrikanische Land geflogen, um seine Eltern nach Deutschland zu holen. Noureddine muss sie begleiten: Der Vater ist schwerbehindert und leidet an Demenz, die Mutter ist gehbehindert und Diabetikerin. Beide müssen regelmäßig Medikamente nehmen. «Es ist eine Katastrophe», sagt Noureddine. Zwar hatte das Auswärtige Amt im März eine beispiellose Rückholaktion für die wegen der Corona-Pandemie im Ausland gestrandeten Deutschen gestartet. 240 000 Menschen wurden nach Hause geflogen, 66 000 davon mit vom Auswärtigen Amt angemieteten Maschinen. Viele weitere Deutsche blieben aber zurück. In Marokko gibt es laut Auswärtigem Amt noch eine «hohe dreistellige Zahl» rückkehrwilliger deutscher Staatsangehöriger - so viele wie in keinem anderen Land der Welt. Laut Auswärtigem Amt waren zuletzt drei Flüge ab Casablanca und Marrakesch nach Deutschland geplant. «Viel zu wenig», sagt Noureddine, der in Köln-Bonn am Flughafen arbeitet. Er sei inzwischen im unbezahlten Urlaub und wisse nicht, wie er seine Miete und Lebensmittel für seine Frau und drei Kinder zahlen soll. «Lieber Heiko Maas oder Frau Bundeskanzlerin Merkel, bitte helfen Sie uns.» Die Rückholaktion war vor gut drei Wochen in die besonders schwierige Phase 2 eingetreten: Nachdem der größte Teil der Touristen aus dem Ausland zurückgekehrt war, wurden die Charterflüge des Auswärtigen Amts vorerst eingestellt. Seitdem liegt die Betreuung der verbliebenen Fälle vor allem in der Hand der deutschen Botschaften weltweit, die sich um Rückkehrmöglichkeiten zum Beispiel mit einzelnen kommerziellen Fliegern kümmern. «Wir wissen: Das wird nicht immer einfach sein, und wir werden vielleicht nicht für jeden Fall gleich eine Lösung parat haben», hatte Außenminister Maas bereits Ende April geahnt. Heute hängen immer noch Hunderte Deutsche im Ausland fest. Dabei handelt es sich nicht nur um gestrandete Touristen, sondern auch um dauerhaft oder vorübergehend im Ausland lebende Deutsche. «Einige konnten aufgrund von fehlenden Transportmöglichkeiten, Bewegungsbeschränkungen oder Quarantänemaßnahmen nicht an Rückkehrflügen teilnehmen», heißt es aus dem Auswärtigen Amt. «Andere haben sich erst später zu einer Ausreise entschlossen, zum Beispiel aufgrund der Entwicklung der Pandemielage oder weil gebuchte Rückflüge jetzt noch storniert wurden.» Ziel sei es, für alle Rückkehrwilligen pragmatische Lösungen zu finden. So informieren die Botschaften die Betroffenen, wenn es dann doch mal wieder einen der wenigen kommerziellen Flüge gibt.  Neben dem beliebten nordafrikanischen Urlaubsland zählt Südafrika mit «einer mittleren dreistelligen Zahl» zu den Hotspots. In Argentinien und Pakistan geht das Auswärtige Amt von einer «jeweils niedrigen bis mittleren dreistelligen Zahl» aus. «Ich würde jetzt schon gerne so langsam mal wieder nach Hause», sagt Markus Seebauer aus München. Der 36-Jährige reiste bereits zwei Monate durch Argentinien, als er Mitte März in Buenos Aires von der Schließung der Grenzen überrascht wurde. Für die Rückholflüge des Auswärtigen Amtes registrierte er sich nicht. «Ich dachte, die Beschränkungen würden schnell wieder aufgehoben und ich könnte dann mit einem kommerziellen Flug nach Hause reisen», erzählt der Übersetzer für technische Betriebsanleitungen. «Da war ich vielleicht ein bisschen naiv.» Jetzt wohnt er vorübergehend in einem Apartment im Stadtteil Palermo und tauscht sich mit anderen Gestrandeten per WhatsApp über die Entwicklungen und mögliche Flüge aus. Unter den Deutschen, die immer noch in Argentinien auf eine Rückreise warten, sind Touristen, Studenten oder Entsandte von Unternehmen. Viele befürchten, Probleme mit ihrem Arbeitgeber zu bekommen, wenn sie nicht bald nach Deutschland zurückkehren. Eigentlich hat die argentinische Regierung den kommerziellen Luftverkehr in, nach und aus Argentinien weitgehend eingestellt. Manchmal erteilt die Luftfahrtbehörde allerdings Sondergenehmigungen für einzelne Flüge, um Argentinier heimzuholen oder Ausländer in ihre Heimatländer auszufliegen. Auch die deutsche Botschaft will nun einen Flug für den 28. Mai von Buenos Aires nach Frankfurt organisieren. Es gibt aber auch Reisende, denen mit Flügen nicht geholfen ist. Dazu zählen deutsche Urlauber in etwa 150 Wohnmobilen, die wegen der gekappten Fährverbindungen über das Mittelmeer nach Europa in Marokko festhängen. Einigen gingen Medikamente aus. Der Ton wurde rau. Eine deutsche Urlauberin im achten Monat ihrer Schwangerschaft spricht im Gruppen-Chat von einem «Riesenskandal», dass Fähren nach Europa angekündigt und dann immer wieder abgesagt wurden. Seit März wollten sie und ihr Partner ausreisen. Aber: «Es gibt anscheinend keine Priorisierung für sehr dringende Fälle wie uns.» Die Wut richtet sich auch gegen die Bundesregierung. Maas habe die Rückholaktion «viel zu früh abgebrochen und auf die Botschaften delegiert», sagt Ernst Spinnler, der aus der Nähe von Aschaffenburg stammt und mit Frau und Hund im Wohnmobil durch Marokko reiste. Die deutsche Botschaft in Rabat sei «sehr bemüht», habe die Sache aber an einen Kulturreferenten abgegeben. «Der ist natürlich von der Flut der Anfragen überrannt worden.» Spinnler muss dringend nach Hause zu seiner 86-jährigen Mutter, ein Pflegefall der Stufe 2. Er hoffte am Dienstag wie viele andere Wohnmobil-Fahrer, eine Fähre ans europäische Festland zu bekommen. Die Botschaft in Rabat führe «intensive Gespräche» mit den marokkanischen Behörden, um dafür Sondergenehmigungen zu erhalten, hieß es aus Berlin. Auch am Dienstag zeichnete sich aber ab, dass viele Reisende anders als angekündigt keinen Platz auf der Fähre bekommen würden. Ein Reisender spricht von einem regelrechten «Fährenroulette».

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